Hab diesen wunderbaren Film dieses Wochenende erneut gesehen und eine Rezension dazu geschrieben. Würde ich eigentlich gerne öfter mal machen (auch um meine Schreibfähigkeiten zu verbessern), ist aber leider etwas zeitintensiv... Auf jeden Fall: Feedback ist willkommen!

Als Spin-off Geschichte stellt Liz to Aoi Tori (Liz and the Blue Bird) zwei Nebenfiguren der High-School-Animeserie Hibike! Euphonium in den Vordergrund: die stark introvertierte Mizore und ihre lebhafte beste Freundin Nozomi. Beide sind Mitglieder des ambitionierten Blasorchesters ihrer Oberschule und verbringen daher viel Zeit in Übungsessionen während den Sommerferien. Die gesamte Haupthandlung findet bewusst in einem einzigen Schulgebäude statt und dreht sich primär um die ambivalente Beziehung der beiden Hauptcharaktere, deren Zukunft aufgrund des bevorstehenden Schulabschlusses noch offen steht. Parallel dazu erzählt der Film die namensgebende Märchengeschichte von Liz und dem blauen Vogel, welche in der Haupthandlung als Kinderbuch vorkommt und von Nozomi und Mizore individuell gelesen und interpretiert wird. Das farbenfroh animierte Märchen reflektiert die Charakterdynamik der beiden Protagonistinnen auf überraschende und doppeldeutige Weise und stellt stilistisch einen starken Kontrast zu den naturalistischen Tendenzen des restlichen Films dar.

Des Weiteren etabliert der Film ein eindeutig romantisches Interesse von Seiten Mizores, welches über Subtext hinausgeht und eine rein platonische Deutung des Texts ausschliesst. Trotz des optimistischen Grundtons werden die Schwierigkeiten für junge Menschen beim Navigieren solcher Gefühlswelten nicht unter den Teppich gekehrt, was jedoch auf eher subtile und implizite Weise geschieht. Die Tatsache, dass fast der gesamte Film bewusst innerhalb desselben Schulgebäudes stattfindet, kann daher als Metapher verstanden werden: Der im Käfig eingesperrte Vogel ist ein weitverbreitetes literarisches Motiv und findet auch hier seine Verwendung. So kann die Schule—im breiteren Sinn also ein öffentlicher Raum, in dem gesellschaftliche Normen und Erwartungen hohen Stellenwert besitzen und der prüfende Blick Gleichaltriger unausweichlich ist—für nicht-konforme Menschen ebenfalls eine repressive Dimension annehmen. Wie der Film das Dilemma des blauen Vogels auflöst, wird in einem lakonischen Eintrag auf Letterboxd sehr schön auf den Punkt gebracht: Love is what cages us, and love is what sets us free.

Verglichen mit Koe no Katachi (A Silent Voice), dem Vorgängerwerk der Regisseurin Naoko Yamada, in welchem sie eine 64 Kapitel starke Mangaserie gerade noch in einen zweistündigen Spielfilm unterzubringen vermag, ist Liz storytechnisch ein deutlich bescheideneres und fokussierteres Werk. An Ausdruckskraft und Resonanz wird dabei jedoch keineswegs eingebüsst: Bei einem Film von solch unglaublicher Wärme, Schönheit und Feingefühl muss ich schon etwas aufpassen, dass mir während der Laufzeit mein Herz nicht buchstäblich dahinschmilzt. Auf optisch Ebene ist der Film so perfekt, wie es ein Film nur sein kann: Die Linienführung ist an Sauberkeit, die Farbpalette an Stimmigkeit, die Bildkomposition an Kunstfertigkeit kaum zu übertreffen. Die kontrastarme und primär auf hellen Blau- und Grüntönen basierende Farbpalette wirkt harmonisch und zurückhaltend, passend zum ruhigen und introspektiven Erzählton der Geschichte. Die Märchenszenen hingegen sind per Aquarell gemalt und verlieren etwas an Detail und Realismus; auch die Farbpalette ist vielfältiger und stärker saturiert. Dies erzielt einen fantastischen Effekt und erinnert teilweise sogar an einen Traum, in dem Emotionen stärker wahrgenommen werden und Hintergrunddetails an Schärfe verlieren.

Was Naoko Yamada betrifft: Die bei Veröffentlichung des Films gerade mal 33 Jahre junge Regisseurin gilt schon seit längerem als Nachwuchstalent und hat über ihre Jahre bei Kyoto Animation einen sehr ausgeprägten inszenatorischen Stil entwickelt. So ist ihr fotografisches Gespür dem Film allgegenwärtig anzuerkennen, zum Beispiel an der einfallsreichen Bildkomposition und dem intensiven Einsatz fotografischer Techniken wie der Schärfentiefe, welche in digitalen Animationsprodukten entsprechend emuliert werden muss. Ein weiteres Merkmal ist Yamadas hohe Wertschätzung der Körpersprache: So verwendet sie häufig Nahaufnahmen von einzelnen Körperteilen wie Händen oder Füssen, um die Emotionen und Haltungen ihrer Charaktere widerzuspiegeln. Zudem ist Yamada eine waschechte Filmliebhaberin, zu deren Einflüssen eindrückliche Namen wie Chantal Akerman, Edward Yang und Robert Bresson zählen. Matthew Li zieht in seinem Review gar einen direkten Vergleich zu Akermans Jeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles, was ich persönlich vielleicht etwas übertrieben finde, aber die Feststellung, dass Yamada eine höchst kunstvolle und filmische Herangehensweise aufweist, ist ohne Zweifel angemessen. Trotz all ihrer Stärken muss Yamada allerdings manchmal etwas aufpassen, dass ihre technischen Effekte nicht Überhand gewinnen und ihre Inszenierung in Schlüsselszenen nicht ins Sentimentale abrutscht—eine Gratwanderung, welche ihr hier deutlich besser gelingt als in ihrem Vorgängerwerk Koe no Katachi.

Des Weiteren beruht das Erfolgsrezept dieses Films auch auf einem einzigartigen, experimentierfreudigen Produktionsprozess. So wurde Kensuke Ushio, einer der talentiertesten jungen Komponisten der Anime-Industrie, bereits vor Anfertigung des Storyboards in den Produktionsprozess eingebunden, um mit Yamada die Leitthemen des Films und den Rhythmus jeder einzelnen Szene zu besprechen. Dementsprechend sind Setting, Schnitt, Animation, Thematik, Tongestaltung und musikalische Untermalung einzigartig präzise und wechselwirkend aufeinander abgestimmt. Diese Synergie ist in der fast wortlosen Eröffnungsszene der Haupthandlung besonders schön zu erkennen, welche durch ihre explizit rhythmische Dynamik hervorsticht: Die Schritte der beiden Hauptfiguren vermischen sich organisch mit der Filmmusik, wobei die unterschiedlichen Tempos die asymmetrische Beziehung der Charaktere symbolisieren. Und wer ganz genau aufpasst, wird merken, dass sich in einer vergleichbaren Szene am Ende des Films die Geschwindigkeiten angepasst haben—es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr solche Details mein Herz erwärmen!

Ebenfalls mit Liebe zum Detail versehen ist die dezente Animationsarbeit, welche sich Kyoto Animation entsprechend auf höchstem Niveau bewegt, ohne dabei viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. In wortlosen Szenen kommuniziert das Charakterspiel mit mehr Finesse als es viele andere Animes in ganzen Drehbüchern vermögen—eine Glanzleistung, welche wir unter anderem dem Chefanimator und Charakterdesigner Futoshi Nishiya zu verdanken haben. Schweren Herzens soll auch erwähnt sein, dass 2019 Nishiya zusammen mit 35 weiteren Opfern im tragischen Brandanschlag auf das viel geliebte Studio sein Leben lassen musste. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass dieser Anschlag mich in Schwermut versetzt; gleichzeitig bin ich jedoch auch unendlich dankbar, dass sich Naoko Yamada an jenem schrecklichen Tag nicht zur falschen Zeit am falschen Ort befand und daher unsere Welt bis heute mit ihren kreativen Talenten bereichern kann. Was KyoAni betrifft, dürfte Liz to Aoi Tori dennoch Yamadas Schwanenlied darstellen, da sie das Studio, dem sie bis dahin ihre gesamte Karriere gewidmet hatte, zwei Jahre später verliess.

Für mich steht jedoch fest, dass die Yamada-Ära bei KyoAni auf einem Höhepunkt endete, denn Liz to Aoi Tori ist ein bescheidenes und daher umso eindrucksvolleres Meisterwerk. Ob es jedoch einem breiten Publikum zugänglich ist, sei mal dahingestellt. Spektakel, Pathos, Spannung und Comic Relief sind diesem Film eher Fremdwörter, weshalb es auch nicht überrascht, dass er auf kommerzieller Ebene den Erfolg des Megahits Koe no Katachi nicht einmal annähernd wiederholen konnte. Wer jedoch eine Vorliebe für die ruhigen und lebensechten Aspekte der japanischen Erzählkunst hat—man denke an Koreeda, Takahata oder Ozu—wird sich hier womöglich wie zu Hause fühlen.

Zu guter Letzt soll auch gesagt werden, dass dieser Film durchaus als selbstständiges Werk gesehen und verstanden werden kann, auch wenn ohne Vertrautheit mit Hibike! Euphonium ein gewisses Mass an Kontext und Vielschichtigkeit verloren geht. Da die Serie jedoch auch ziemlich gelungen ist, empfehle ich, vor dem Film zuerst die ersten beiden Staffeln der Serie anzuschauen.

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    Gut geschriebenes Review!

    Ich habe den Film auch schon zweimal gesehen und kann dir bei fast allem zustimmen. Es ist ein sehr ruhiger Spin-Off, den man auch ohne Kenntnisse der beiden Hibike Euphonium Serien sehen und verstehen kann. Die Animation von Kyoto Animation ist wie immer sehr gepflegt und schön anzusehen.

    CaitSith Des Weiteren etabliert der Film ein eindeutig romantisches Interesse von Seiten Mizores, welches über Subtext hinausgeht und eine rein platonische Deutung des Texts ausschliesst.

    Das sehe ich weniger eindeutig: Ich verstehe die enge emotionale Beziehung zwischen den beiden Mädchen mehr im platonischen Sinne, so wie sie in der literarischen Tradition des Class S-Genres üblich ist. Man kann Mizores Interesse an Nozomi als sexuelles Interesse interpretieren, muss aber nicht. Die Symbolik rund um das Freilassen des Vogels aus dem Käfig verstehe ich demzufolge auch mehr als eine Metapher für ein emotionales Loslassen der engen Bindung der beiden Mädchen, bzw. dass Mizore von nun an ihren eigenen Weg geht und nicht mehr im Schatten ihrer engen Freundin steht, im Sinne eines Coming of Age-Drama.

    Was den Einsatz von Nahaufnahmen einzelner Körperteilen angeht, erinnert mich Yamadas Herangehensweise an diejenigen von Hideaki Anno. Letztgenannter fokussiert sich bei Serien und Filmen wie Evangelion oder Love & Pop auch auf Hände, Beine und Füsse. Wenn ich mich nicht täusche, kommt das von Shoujo-Manga her.

    Kleine Notiz am Rande: Neben der Schärfentiefe und weiteren optischen Tricks, die Yamada von ihrem Hobby der Fotografie her hat, greift sie auch absichtlich auf Abbildungsfehler optischer Linsen zurück wie der chromatischen Aberration und unscharfen Rändern. Der daraus entstehende Effekt ist subtil und imitiert eine Kameralinse, so als ob das ganze Geschehen mit einer echten Fotokamera gefilmt worden wäre.

      Ataru Whoa, danke für den wirklich konstruktiven Beitrag! Von Annos Herangehensweise bin auch ich natürlich sehr begeistert, die Verbindung mit Yamada ist mir jedoch nicht in den Sinn gekommen (bzw. erinnert mich dieser Tage jegliche Nahaufnahme von Körperteilen automatisch an Yamada und geht daher schnell wieder in Vergessenheit, lol). Auch sehr feine Beobachtung bezüglich weiterer fotografischer Effekte!

      Ataru Das sehe ich weniger eindeutig: Ich verstehe die enge emotionale Beziehung zwischen den beiden Mädchen mehr im platonischen Sinne, so wie sie in der literarischen Tradition des Class S-Genres üblich ist. Man kann Mizores Interesse an Nozomi als sexuelles Interesse interpretieren, muss aber nicht.

      In einem Sinne hast du recht: Eine strikte Leseart kann und will ich natürlich niemandem aufzwingen, und wer diesen Film platonisch deuten will und ihn so inhaltsreicher findet, soll auch die Freiheit dazu haben.

      Die Gründe, warum ich persönlich eine platonische Deutung ausschliesse, sind für mich jedoch sehr triftig und auch gut belegt. Ich würde den Film sogar als direkte Subversion des Class S-Genres deuten, besonders in Bezug auf dessen Potenzial zu Queer Erasure, worauf auch im Wikipedia-Artikel hingewiesen wird ("This attitude would later inform contemporary perspectives on lesbianism in Japan: a tolerance towards non-sexual intimacy between girls, and the widespread belief that female homosexuality is a 'phase.'")

      Bei einer solchen Diskussion geschehen semantische Missverständnisse schnell, daher erst eine kurze Erläuterung zu meiner Terminologie: In meinem Review schreibe ich von einem romantischen Interesse, was von einem sexuellen Interesse zu unterscheiden ist. Das Wort "platonisch" ist meiner Verwendung nach eher aromantisch als asexuell zu verstehen. Ob Mizore innerlich auch sexuelle Fantasien über Nozomi auslebt, geht mich eigentlich nichts an—beide Möglichkeiten sind mit meiner Leseart gleichermassen kompatibel.

      Kumiko und Reina würde ich in der Tat als Beispiel einer traditionellen Class S-Beziehung lesen, Mizore und Nozomi jedoch als bewussten Kontrapunkt dazu, so wie der Film auch auf vielen anderen Ebenen einen bewussten Kontrast zur Serie darstellt. Während Kumiko und Reinas Beziehung anfänglich oft mit stark romantischen Untertönen geprägt ist, etabliert die Serie schlussendlich jedoch explizit heterosexuelle romantische Interessen für beide Charaktere. Bereits in Chikai no Finale ist die romantische Ambivalenz eigentlich schon ganz abgeschafft, stattdessen haben Kumiko und Reina eine enge, von mir aus "schwesterliche" Liebe füreinander entwickelt, ohne jedoch ein gegenseitiges Verlangen, eine exklusive, romantische Partnerschaft einzugehen.

      Für Mizore hingegen existiert keine solche heterosexuelle Alternative (bin mir nicht mal sicher, ob sie in der gesamten Serie jemals mit einem Jungen ein Wort gewechselt hat), in der Tat hat sie einzig und allein nur Augen für Nozomi. Der Film macht inszenatorische Purzelbäume und Doppelsaltos, um zu zeigen, wie sehr Mizore über alle Ohren in Nozomi verknallt ist. Dazu gehören der zutiefst intime Ton des Films und die zahllosen verlegenen Blicke, die Mizore durchgehend Nozomi widmet (Stichwort lesbian gaze), aber auch das Skript könnte expliziter kaum sein. Jemandem tief in die Augen zu schauen und Sätze auszusprechen wie "I love your voice, I love your footsteps, I love your hair, I love… everything about…" zeichnet für mich ein eindeutiges Bild. Nozomi unterbicht hastig Mizore, bevor letztere ihr Geständnis beenden kann—auch das ist vielsagend.

      Ebenfalls aufschlussreich ist dieser Austausch aus derselben Schlüsselszene:

      Mizore: "I've only given the oboe my all because I want to be with you. As long as I can be with you, I don't care about anything else."

      Nozomi: "Oh please, you're exaggerating" (Nozomi suggeriert hier, dass es sich bei Mizore bloss um eine sapphische "Phase" handelt, ein jugendliches Experimentieren, ein Class S-Trope)

      Mizore "I'm not. It's all true. You’re my everything" (Uncharakteristisch für Mizore beharrt sie hier explizit und ausdrucksstark, dass ihre Gefühle authentisch und tiefgehend sind—Class S dismissed!)

      Nozomie: "I'm not the kind of girl you think I am." (Nozomi macht hier unter anderem deutlich, dass sie keine gleichgeschlechtliche Anziehung für Mizore empfindet)

      Trotz dieser romantischen Absage von Seiten Nozomis endet der Film auf einer optimistischen Note. Wie du richtig feststellst, ist Mizore nun frei, auf eigenen Pfaden ihr authentisches Selbst zu leben. Dazu gehört aber nicht nur die Oboe, sondern auch Mizores queere Identität, welche von Nozomi akzeptiert, wenn auch nicht erwidert wird.

      Eine platonische Deutung impliziert für mich, dass von queeren Menschen eine höhere Beweislast aufgefordert wird, bevor ihre Identität wahrgenommen wird. Stell dir vor, der Film würde zwischen einem Jungen und einem Mädchen abspielen, bliebe aber ansonsten exakt identisch: Es würde wohl kaum eine Seele diesen Film als platonisch deuten. Ich finde, die (ausgesprochenen wie auch unausgesprochenen) Worte Mizores haben gleichermassen Gewicht und Glaubwürdigkeit verdient, wie wenn die Geschlechtersituation anders aussähe.

      Es soll auch bemerkt sein, dass sich Yamada in einem Interview selbst als Mizore x Nozomi-Shipperin geäussert hat: In ihrem eigenem Headcanon sind sogar beide happily ever after verheiratet! Für den Film unterstellt sie ihre persönliche Vision zwar der Vorlage der Originalautorin Ayano Takeda und zeichnet daher ein Ende, in dem Nozomi und Mizore enge Freunde bleiben, aber separate Wege gehen; trotzdem gelingt es Yamda, diesem Film einen romantischen Spin zu geben, wie dieser Post hoffentlich darlegen konnte.

      PS: In der von mir zitierten Schlüsselszene schwebt auf prominente Weise ein umgekehrtes Dreieck über den beiden Charakteren, welches in mehreren Einstellungen zu sehen ist. In einer vorherigen Szene mit besserer Belichtung können wir sogar sehen, dass das Dreieck in der Tat intrinsisch rosafarben ist (ein weiteres solches Dreieck zeigt sogar direkt auf Mizore!) Fenster haben nicht einfach so Dreiecks-Markierungen, die Symbolik ist bei einem solch bis aufs letzte Detail massgeschneidertem Film also 100% absichtlich.


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        2 Monate später

        CaitSith Eine platonische Deutung impliziert für mich, dass von queeren Menschen eine höhere Beweislast aufgefordert wird, bevor ihre Identität wahrgenommen wird. Stell dir vor, der Film würde zwischen einem Jungen und einem Mädchen abspielen, bliebe aber ansonsten exakt identisch: Es würde wohl kaum eine Seele diesen Film als platonisch deuten. Ich finde, die (ausgesprochenen wie auch unausgesprochenen) Worte Mizores haben gleichermassen Gewicht und Glaubwürdigkeit verdient, wie wenn die Geschlechtersituation anders aussähe.[/quote]

        Hmm, ich würde die Beziehung der beiden immer noch platonisch verstehen, auch wenn eine der beiden jetzt ein Junge wäre. Platonisch heisst für mich jetzt nicht asexuell. Ich verstehe in einer Beziehung unter platonische Liebe eine Liebe, in der die sexuelle Anziehung nur zweitranging ist (wenn überhaupt).

        CaitSith Es soll auch bemerkt sein, dass sich Yamada in einem Interview selbst als Mizore x Nozomi-Shipperin geäussert hat: In ihrem eigenem Headcanon sind sogar beide happily ever after verheiratet!

        Wo steht das im Originaltext? Ich finde es nicht. Sie äussert lediglich gegen Ende, dass sie die beiden gerne (weiter) zusammensehen würde. Was sie nun genau damit meint, bleibt, wie für Japaner oft üblich, für uns Nichtjapaner oft vage.

        CaitSith PS: In der von mir zitierten Schlüsselszene schwebt auf prominente Weise ein umgekehrtes Dreieck über den beiden Charakteren, welches in mehreren Einstellungen zu sehen ist. In einer vorherigen Szene mit besserer Belichtung können wir sogar sehen, dass das Dreieck in der Tat intrinsisch rosafarben ist (ein weiteres solches Dreieck zeigt sogar direkt auf Mizore!) Fenster haben nicht einfach so Dreiecks-Markierungen, die Symbolik ist bei einem solch bis aufs letzte Detail massgeschneidertem Film also 100% absichtlich.

        Äh, nein, das rote Dreieck auf Fenster in Japan zeigt lediglich den Eingang an, durch den die Rettungskräfte im Fall eines Brandes oder einer anderen Katastrophe das Gebäude betreten können. 😅

        Aber davon abgesehen ist heute auf ANN ein auf Englisch übersetztes Interview mit Naoko Yamada publiziert worden, wo sie am Ende auch explizit darüber befragt wird, ob es sich beim Film um eine "gay love story" handeln würde, wo wenigstens eine der Mädchen (Mizore) den "gay" sein würde. Yamada verneint dies, bzw. es sei nicht ihre Absicht gewesen; die Geschichte sei weniger als Darstellung einer bestimmten sexuellen Orientierung gedacht, sondern als die Darstellung der Adoleszenz und was die Figuren da durchmachen. Nicht, dass man jetzt unbedingt alles, was ein/e Regisseur/in so vor sich gibt als sakrosankt sehen muss und andere Deutungen grundsätzlich falsch sind; ich fühle mich lediglich in meiner zuvor genannten Lesart bestärkt.

        P.S.: Ich bin sicher, dass in Japan Mizore x Nozomi-Doujinshi existieren 😉



          Ja, dieses Interview habe ich heute Morgen auch gelesen und musste mich gleich wundern, ob der liebe Ataru jetzt doch noch auf meinen Post antworten wird. 😅

          Nun denn: Ich lese natürlich gerne Interviews und denke, dass Autorenkommentare oftmals wertvolle ergänzende Perspektiven bieten können—ein kritischer Verstand wird solche Kommentare jedoch immer mit dem eigentlichen Inhalt eines Werks abwiegen müssen (wie du auch anerkennst).

          Da kann z.B. Mamoru Oshii noch so oft behaupten, er hätte keinen Plan gehabt, was Angel’s Egg bedeute—für mich kommuniziert der Film dennoch klar identifizierbare Ideen zu Religion und Glauben. Oder um ein extremeres Beispiel zu geben: Die Macher der Call of Duty Spiele behaupten immer wieder gerne in Interviews, ihre Spiele hätten nicht den geringsten politischen Inhalt—wer jedoch mindestens ein Leseverständnis auf Primarschulniveau aufweist, wird sich bei solchen Aussagen wohl totlachen. (Siehe auch Jacob Geller, Does Call of Duty Believe in Anything?)

          Selbstverständlich glaube ich nicht, dass Yamada von denselben zynischen Motiven getrieben ist wie die CoD-Macher. Mein Punkt ist eher, dass sich mein vorheriger Post grösstenteils auf den Inhalt des Films an sich bezieht, daher sehe ich meine Leseart nicht durch solche Interviews bedroht—lediglich meine Einschätzung von Yamada als LGBTQ-Ally. (Eine unschätzbare Regisseurin bleibt sie für mich natürlich immer noch!)

          Ataru Wo steht das im Originaltext? Ich finde es nicht. Sie äussert lediglich gegen Ende, dass sie die beiden gerne (weiter) zusammensehen würde. Was sie nun genau damit meint, bleibt, wie für Japaner oft üblich, für uns Nichtjapaner oft vage.

          Ich bezog mich auf diese Stelle:

          私自身は2人に「添い遂げてほしい」派なんですよ。

          Mein Japanisch ist sehr basic, daher kann es gut sein, dass mir hier gewisse Nuancen entfliehen, aber Jisho.org
          übersetzt "soitogeru" mit "to remain married for life".

          Ataru Äh, nein, das rote Dreieck auf Fenster in Japan zeigt lediglich den Eingang an, durch den die Rettungskräfte im Fall eines Brandes oder einer anderen Katastrophe das Gebäude betreten können. 😅

          Moment mal, hier schreibe ich über Symbolik! Dass ein filmisches Symbol innerhalb der fiktiven Welt der Charaktere eine andere (oftmals banalere) Funktion einnimmt als auf interpretatorischer Ebene, ist per Definition der Fall. Ich behaupte ja nicht, dass die Installations-Techniker des Gebäudes mit Absicht ein Pink Triangle da aufs Fenster geklebt hätten, weil sie wussten, dass sich in Zukunft eine solche Szene abspielen würde. Es geht um Framing, Kontext, und die Einbeziehung oder Unterlassung von Details. Angesichts des neuen Interviews muss ich jedoch anerkennen, dass es sich in diesem Fall wohl um einen sehr glücklichen Zufall handelt (oder eine queerfreundliche Hintergrundkünstlerin?) Ob absichtlich oder nicht, die Symbolik bereichert für mich diese Schlüsselszene auf sehr schöne Art!

          Bin auf ein weiteres Interview gestossen, welches sie wenige Tage vor dem ANN Interview gegeben hat. Leider ist dieses Interview stärker bearbeitet, trotzdem droppe ich den relevanten Absatz mal hier:

          “I don’t set out to specifically feature LGBTQ+ themes,” Yamada admitted. However, including characters who identify as such is an extension of Yamada’s goal of connecting with her characters. “It’s natural that if I’m trying to show characters’ thoughts and feelings [that] I want that to be a natural part of it,” she elaborated. “So, I don’t want to avoid these things or give them special treatment – but [depict LGBTQ+ characters] as a natural course.”

          Hier sieht man einen weitereren Grund, warum ich den Inhalt eines Werkes höher gewichte als Autorenkommentare: Kunstschaffende reden oftmals um den heissen Brei herum und geben nur ungern direkte, eindeutige Antworten zu interpretatorischen Fragen (cue David Lynch). Ist auf einer gewissen Ebene verständlich, führt aber auch oftmals zu widersprüchlichen oder mehrdeutigen Aussagen... "The answer is, it is quite complicated."

          Wenn ich alle bisher erwähnten Interviews lese und mit dem Film in Einklang bringen will, kriege ich das Gefühl, dass Yamada den Film nicht als explizite LGBTQ-Story charakterisieren will, sondern primär als Bildungsroman, der "zufälligerweise" einen LGBTQ-Charakter hat—jedoch überlässt sie es dem Publikum, diesen Schluss von selbst zu ziehen, wobei sie auch andere Deutungen nicht ausschliessen will.

          Man muss aber auch bedenken, dass es sich hier nicht um Originalcharaktere von Yamada handelt, weshalb eine explizite, öffentliche Bestätigung von Mizore als LGBTQ für Yamada problematisch sein könnte (auf diesen Punkt bin ich bereits im japanischen Interview eingegangen).

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          Ai Chan - LittleAkiba Maskottchen